Sie erschien auf dieser Hochzeit, voller Narben, nachdem sie für tot erklärt worden war; als sie ihre Verbände abnahm, erstarrte der ganze Saal vor Entsetzen über das Gesicht, das sich darunter verbarg …
Das Gespenst im weißen Saal
Der Ballsaal Saint-Aurelia war voller wohlhabender, elegant gekleideter Gäste. Musik spielte, als die großen Türen am hinteren Ende plötzlich aufschwangen.
Eine eisige Stille breitete sich im Saal aus.
Eine Frau trat ein.
Sie war barfuß und mit schmutzigen, blutbefleckten Verbänden bedeckt. Unter einem langen Mantel, der ihr viel zu groß war, trug sie ein zerrissenes Krankenhaushemd. Mit jedem Schritt hinterließ sie Aschespuren auf dem weißen Marmor.
„Oh mein Gott …“
Eine Gästin ließ ihr Champagnerglas fallen.
Am Altar drehte sich Éléonore Beaumont um. Als sie die Frau sah, verzerrte sich ihr Gesicht vor Wut.
„Bringen Sie diese Frau sofort hinaus!“, schrie sie. „Rufen Sie den Sicherheitsdienst!“
Doch niemand bewegte sich.
Die Frau ging weiter bis in die Mitte des Saals. Dann hob sie die Hände und begann langsam, die Verbände abzunehmen, die ihr Gesicht bedeckten.
Alle hielten den Atem an.
Ihr Gesicht war von schrecklichen Verbrennungen gezeichnet. Dennoch waren einige ihrer Züge noch erkennbar.
Éléonore wurde kreidebleich.
„Nein … das ist unmöglich …“
Gabriel Beaumont starrte die Frau entsetzt an.
„Isabelle?“
Die Frau warf ihre Verbände auf den Boden.
Hinter ihr erschien der Ermittler Adrien Valmont, der sich geweigert hatte, an Isabelles Tod zu glauben.
Er legte eine Akte auf den Tisch.
Darin befanden sich eine gefälschte Sterbeurkunde und ein Krankenhausarmband mit dem Namen Isabelle Beaumont.
Isabelle trat nun auf Éléonore zu.
„Du hast meine Sterbeurkunde unterschrieben, Schwester“, sagte sie mit rauer Stimme. „Du hast mein Erbe an dich gerissen … und mir mein Leben gestohlen.“
Éléonore wollte zurückweichen, doch ihre lange Schleppe verfing sich in den Blumen.
Isabelle kam noch näher und flüsterte mit einem furchteinflößenden Lächeln:
„Aber das Grab war mir viel zu kalt.“
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Die Frau im langen Mantel blieb nicht stehen.
Sie ging langsam weiter, hinkte absichtlich und hielt ihren Blick ausschließlich auf Éléonore gerichtet. Als sie die Mitte des Saals erreichte, direkt unter dem riesigen Kristalllüster, hob sie ihre beiden zitternden, von Narben bedeckten Hände.
Ihre Finger packten den Rand der Verbände, die eng um ihr Gesicht und ihren Kopf gewickelt waren.
Langsam, unter Schmerzen, begann sie, sie abzunehmen.
Der ganze Saal hielt den Atem an.
Während die Stoffstreifen zu Boden fielen, enthüllten sie ein Gesicht, das von schweren Leiden gezeichnet war. Tiefe Brandnarben bedeckten die linke Seite ihres Kiefers und zogen sich bis zum Hals hinunter. Ihre Haut war dort uneben und glänzend.
Doch die rechte Gesichtshälfte war erstaunlich unversehrt geblieben.
Und ihre Züge waren seltsam vertraut.
Éléonore riss den Mund auf. Ihr makelloses Gesicht, das zuvor so blass und vollkommen gewesen war, verlor jede Farbe.
„Nein … Das ist unmöglich.“
„Isabelle?“, hauchte Gabriel Beaumont.
Seine Stimme war kaum hörbar, doch in der völligen Stille des Saals konnten ihn alle hören.
Die Frau warf ihre blutbefleckten Verbände auf den Boden.
Sie war nicht nur eine Überlebende.
Sie war ein Gespenst, das zurückgekehrt war, um Rechenschaft zu verlangen.
Noch bevor Éléonore den Sicherheitsdienst rufen konnte, erschien hinter Isabelle ein Mann.
Es war der Ermittler Adrien Valmont, ein ehemaliger Polizeiermittler aus Malibu, der Jahre zuvor entlassen worden war, weil er sich geweigert hatte, den Fall des Brandes bei den Beaumonts zu den Akten zu legen.
In seiner Hand hielt er einen schweren Lederkoffer.
Mit finsterer Miene trat er an den großen Haupttisch. Mit einer abrupten Bewegung fegte er mehrere Kristallgläser vom Tisch, die mit ohrenbetäubendem Krachen auf dem Boden zerschellten.
Dann knallte er eine dicke Akte auf die weiße Tischdecke.
Obenauf lagen zwei Dinge.
Eine schwarze Mappe mit der Aufschrift „GEFÄLSCHT“, die eine Sterbeurkunde enthielt.
Und ein rot-weißes Krankenhausarmband mit einem Namen:
Isabelle Beaumont.
Isabelle ging am Altar vorbei und trat auf Éléonore zu, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren.
Der Gegensatz war erschütternd.
Auf der einen Seite stand die Braut in weißem Satin, perfekt frisiert und in einem luxuriösen Kleid.
Auf der anderen ihre von Narben bedeckte Schwester, die noch immer die Spuren eines Albtraums trug, den sie wie durch ein Wunder überlebt hatte.
Isabelle beugte sich zu ihr.
Ihr Atem roch leicht nach Metall und Desinfektionsmittel.
Als sie sprach, klang ihre Stimme rau und tief, als wäre ihre Kehle vom Rauch und von Jahren erzwungenen Schweigens verbrannt worden.
„Du hast meine Sterbeurkunde unterschrieben, Schwester“, flüsterte Isabelle mit eisiger Stimme. „Du hast mein Erbe an dich gerissen … und mir mein Leben gestohlen.“
Éléonore versuchte zurückzuweichen.
Doch ihre lange Satinschleppe verfing sich in einem Blumengesteck und hielt sie fest.
Isabelle kam noch näher.
Langsam erschien ein kaltes Lächeln auf ihren Lippen.
„Aber das Grab …“, flüsterte sie, den Blick fest auf ihre Schwester gerichtet, „war mir viel zu kalt.“
Wenige Sekunden später legte Adrien die Beweise dafür vor, dass Éléonore selbst den Brand gelegt hatte, um sich Isabelles Erbe anzueignen. Die Polizei verhaftete sie vor den Augen aller Gäste. Isabelle, die endlich die Wahrheit erzählen durfte, verließ den Saal unter den erschütterten Blicken der Anwesenden und hinterließ nur einen einzigen Satz: „Ihr habt mich lebendig begraben … aber ihr habt es nie geschafft, mich zu töten.“









